Das Gartenprojekt des NABU-Naturschutzzentrums Gelderland

in der Wohnanlage St. Bernardin für Menschen mit Behinderung in Geldern-Kapellen


Zwischen Lavendel und Petersilie
Das niederrheinische Naturschutzzentrum Gelderland kooperiert mit der Wohnanlage St. Bernardin für Menschen mit Behinderung in Geldern-Kapellen

Ein Erfahrungsbericht im Januar 2009

Natur ist schön, Natur ist spannend - und Natur ist für alle da! Das demonstriert auch ein neues Umwelterlebnisprojekt des NABU Naturschutzzentrums Gelderland in der Kapellener Wohnanlage St. Bernardin der CWWN. Möglich wurde dieses Projekt vor allem durch eine finanzielle Unterstützung des Landschaftsverbandes Rheinland im Rahmen des LVR-Projektes „Naturerlebnis und Umweltbildung – barrierefrei! Mit den Biologischen Stationen im Rheinland“. Insgesamt neun Stationen nehmen an diesem Projekt teil, das benachteiligten bzw. gehandicapten Personengruppen den Zugang zur Natur erleichtern oder auch erst ermöglichen soll.

„Barrierefreie Umweltbildung“, das heißt im Fall der Bewohner von St. Bernardin, dass Menschen mit geistiger Behinderung gezielte Angebote bekommen, sich intensiv mit der Natur zu beschäftigen. Nah sollte es sein, den Fähigkeiten der Bewohner sollte es entsprechen, Spaß sollte es machen. So entstand die Idee einer festen Gartengruppe, die sich auf dem Gelände der Wohnanlage regelmäßig trifft, um zwei langen Reihen ungenutzter und leer stehender alter Frühbeetkästen zu neuem Leben zu verhelfen und sie in blühende Beete zu verwandeln. Momentan nehmen fünf Bewohnerinnen und ein Bewohner an den mittwöchlichen Veranstaltungen teil, die von der Landespflege-Ingenieurin und Umweltpädagogin Helga Kaczmarek vom Naturschutzzentrum konzipiert und geleitet werden. Tatkräftige Unterstützung bekommt sie dabei von der hausinternen Mitarbeiterin Margret Wilmer.

Zu Beginn, im April 2008, lag viel Arbeit vor der kleinen Gruppe. Nachdem die alten Betonkästen mit Erde aufgefüllt worden waren und ein Plan für die Pflanzung vorlag ging es los. Etliche Pflanzen wurden gesetzt, mehrere Beete mit Gewürz- und Sommerblumensamen eingesät. Dabei kann jeder nach seinen individuellen Fähigkeiten eingesetzt werden. Während zum Beispiel eine Teilnehmerin aus ihrer Jugend viel praktische Erfahrung in der Gartenarbeit mitbringt und eine weitere mit Anleitung (sehr) einfache Arbeiten durchführen kann, ist ein Teilnehmer damit zufrieden, wenn er einfach bei der Gruppe sein kann und ab und zu an einer Pflanze riecht.


Am Anfang war das Nichts



Erste Pflanzergebnisse


Später wurde regelmäßig Unkraut gezupft und die ersten Ergebnisse begutachtet. Wurde hier zu dicht gesät und es muss vorsichtig umgesetzt werden? Sind alle Pflanzen gut angewachsen? Welche Pflanzen entwickeln sich kräftig, und bei welchen lässt der Fortschritt noch etwas auf sich warten? Wo steht noch Kraut, das da nicht hingehört? Müsste mal gegossen werden? Dazu gibt es immer wieder die „Guck- und Schnupperrunde“, denn viele der Pflanzen sind wohlriechende Kräuter und Gewürze. Schnell entwickeln sich kleine Ratespiele. Welche Pflanze riecht nach Zitrone und welche Kräuter erinnern an Pizza? Aber neben Zitronenmelisse und Thymian finden sich noch viele andere Pflanzen in den geradlinig und klar strukturierten Beeten: so wachsen z.B. auch Lavendel, Rosmarin, Petersilie, Schnitt- und Bärlauch einträchtig neben Ringelblumen, Zinnien, einer Sommerblumenmischung und Zierkürbissen. Doch die Pflanzen sind nicht nur fürs Auge und für die Nase gedacht. Alle haben auch einen ganz praktischen Wert. So sollen z.B. die Sommerblumen später als Schmuck in der hauseigenen Kapelle dienen und aus den Kräutern entstehen im Werkstattbereich der Einrichtung unter anderem Kräuteröle, Pestos und Duftsäckchen, die beim jährlichen Herbstbasar verkauft wurden. Und genau wie die Teilnehmerzahl ganz allmählich gewachsen ist, so wuchsen auch die Pflanzen in den Beeten und wurden von Woche zu Woche größer und schöner. Rund 100 qm reine Beetfläche wurden auf diese Weise in eine grünende und blühende Allee verwandelt, die das ganze Jahr bis in den späten Herbst hinein Bewohnerinnen und Bewohner, Mitarbeiter und Besucher gleichermaßen erfreute. Beim großen jährlichen Herbstfest war die mittlerweile sehr üppige Gartenpracht eine der Hauptattraktionen und wurde von etlichen Gästen anerkennend begutachtet - ganz zum Stolz der sechs Gartengruppenmitglieder. Die Erzeugnisse des Gartens (Kräuter, Gewürze, Zierkürbisse, Blumen) fanden in der Wohnanlage direkte Verwendung oder wurden in der sogenannten Werkstatt zu verkaufsfähigen Produkten weiterverarbeitet.


Sommerimpressionen



Herbsteindrücke


Nach den letzten Ernten und den üblichen Herbstarbeiten sind die Beete nun winterfest gemacht und befinden sich in der wohl verdiente Ruhepause, bevor sie im Frühjahr zu neuem Leben erweckt werden sollen. Das „Garten-Gerüst“ aus Beeten mit immergrünen Gewürzsträuchern kann dann kräftig weiterwachsen und die für wechselnde Bepflanzung vorgesehenen Flächen sollen im Frühjahr neu eingesät bzw. bepflanzt werden. Auf jeden Fall können sich alle Beteiligten voraussichtlich auch in 2009 auf eine üppige, grünende und blühende Pflanzenallee im St. Bernardin freuen.

Helga M. Kaczmarek

Interessenten an diesem Projekt können sich an das NABU-Naturschutzzentrum Gelderland in Geldern-Kapellen wenden unter Tel.: 02838-96544 oder per Mail umweltbildung(at)nabu-kleve.de

Und noch ein paar Eckdaten zum Projekt

Start des Projektes
April 2008

Beteiligte Institutionen
NABU-Naturschutzzentrum Gelderland. Die Umweltbildungsarbeit wird gefördert durch eine finanzielle Unterstützung des Landschaftsverbandes Rheinland im Rahmen des LVR-Projektes „Naturerlebnis und Umweltbildung – barrierefrei! Mit den Biologischen Stationen im Rheinland“. Wohnanlage St. Bernardin, eine Wohneinrichtung der Caritas Wohn- und Werkstätten Niederrhein gGmbH (CWWN)

Grundlage
Als Grundlage dienten zwei Reihen alter ehemaliger Frühbeetkästen aus Beton. Getrennt werden die Beetreihen durch einen 2,70 Meter breiten Weg, sodass ein alleeartiger Charakter entsteht.

Bewirtschaftete Fläche
Bei einer Gesamtbeetlänge von rund 67 Metern und einer durchschnittlichen Beettiefe von ca. 1,45 m ergibt sich eine bewirtschaftete Fläche von rund 100 Quadratmetern.

Start-Investitionen
Die Start-Investitionen beliefen sich auf rund 150 Euro für Pflanzen und Sämereien. Das benötigte Werkzeug besteht ausschließlich aus Kleinwerkzeugen, die in einer handlichen Plastikbox aufbewahrt werden, und war im Haus bereits vorhanden. Die alten Beetkästen, zwei Wasseranschlüsse und Schlauch waren ebenfalls vorhanden. Die Startkosten trugen daher dem Motto Rechnung: „Kleiner Aufwand – große Wirkung!“ Im Laufe des Jahres kamen lediglich noch einmal Ausgaben für diverse Säcke Rindenmulch dazu.

Pflanzplan
Die Planung der Beetbepflanzung war komplex, denn sie musste unterschiedliche Aspekte berücksichtigen (Bearbeitbarkeit durch die Teilnehmer, Kosten, Verwertbarkeit der Pflanzen, Pflegeaufwand, jahreszeitliche und dauerhafte Optik, etc.).

1. Pflanzenauswahl und Kosten
Bei der Pflanzenauswahl wurden folgende Vorgaben gesetzt:
Die Pflanzen sollten ungiftig sein.
Möglichst jede Pflanzenart sollte verwertbar sein.
Es sollte eine reiche Auswahl an Kräutern, Gewürzen und Blumen sein, wobei einige Pflanzenarten von der Einrichtung explizit gewünscht wurden.
Es sollte preislich günstig sein.

Im Ergebnis wurden gepflanzt bzw. gesät:
Basilikum, Bärlauch, Borretsch, Dill, Kapuzinerkresse, Lavendel, Petersilie, Ringelblumen, Rosmarin, Sommerblumenmischung, Schnittlauch, Sommermalven, Salbei, Thymian, Wermut, Zinnien, Zitronenmelisse und Zierkürbisse. Je nach Pflanzenart und deren Verwendungszweck oder Planungsrelevanz wurden die Pflanzen in nur einem Beetsegment bzw. in mehreren Beetsegmenten verwendet. So finden sich z.B. die immergrünen Lavendel, Rosmarin, Salbei oder Thymian in mehreren Segmenten, da sie, (vor allem, wenn sie erst mal ein wenig gewachsen sind ;O)) auch als dauerhafte optische Stütze dienen sollen.

Durch die Mischung aus fertigen (kleinen) Topf-Pflanzen und Saatgut konnten die Startkosten für die Bepflanzung mit rund 150 Euro für eine Fläche von über 100 Quadratmetern äußerst gering gehalten werden. (Siehe auch oben.) Die Mischung bewirkte zudem, dass direkt nach dem Start des Projektes für die Teilnehmer und für andere Bewohner und Besucher ein Teilergebnis zu sehen war.

2. Beetaufteilung und Pflanzstruktur
Die grundsätzliche Beetaufteilung und die Pflanzstruktur nehmen die strikt geradlinige Ausrichtung der vorhandenen Beete weitgehend auf. Da die vorhandenen Betonsegmente sehr groß waren, wurden sie jeweils in sich geteilt, sodass insgesamt 34 rechteckige, annähernd gleich große Pflanzsegmente entstanden, die mit jeweils einer Pflanzenart gestaltet wurden. Die zu pflanzenden Gewächse wurden in strengen Reihen gesetzt, die zum einen wiederum die Grundstruktur der Beete nachzeichnen und zum anderen ein ruhiges, harmonisches Gesamtbild fördern. Diese sehr einfache Struktur innerhalb der Beete ist von allen Teilnehmern leicht zu erfassen und dadurch auch gut zu bearbeiten.
Vor allem die in jeder Hinsicht symmetrische Anordnung der immergrünen Gehölze wie Rosmarin und Lavendel soll dem Garten zunehmend ein optisch ruhiges Stützgerüst geben, das auch im Winter noch ansprechend wirkt, wenn die jährlich neu zu bepflanzenden oder einzusäenden Segmente brach liegen. Gesät wurde in der Regel breitwürfig, einige Pflanzen wurden auch als Saatband ausgebracht.

Da die Optik der Beete auf der einen Seite von strengen, geradlinigen Formen geprägt ist (Linearität der Gesamtanlage, Symmetrie der Pflanzsegmente, lineare Pflanzungen, strenge Symmetrie bei den immergrünen Stützgehölzen), sich innerhalb der Beete aber auch auflockernde Elemente finden (breitwürfig gesäte Flächen, Segment-Verteilung der Blumen und krautigen Pflanzen) ergibt sich ein geordnetes, aber in sich trotzdem abwechslungsreiches Gesamtbild. Zudem sind die geradlinige Pflanzstruktur der meisten Beete und die Beschränkung auf eine Pflanzenart pro Segment in ihrer Übersichtlichkeit und optischen Ruhe für die Teilnehmer sehr vorteilhaft zu erfassen und zu bearbeiten.

Anfallende Arbeiten
Die anfallenden Arbeiten werden von den Teilnehmern je nach Können und Lernvermögen selbstständig oder unter Anleitung durchgeführt. Da wären zum Beispiel:

Beim Pflanzen:
An vormarkierten Stellen Löcher graben. Pflanzen vorsichtig aus den Töpfen holen und anreichen. Oder Pflanzen selber in die vorbereiteten Löcher einsetzen und Erde auffüllen. Leere Töpfe sammeln und stapeln.

Beim Säen:
Tüten aufreißen, Saatgut anreichen oder selber säen.

Beim Pflegen:
Unkraut entfernen, Unkraut sammeln, Gartenabfälle zum Kompost fahren, Weg zwischen den Beeten fegen, Geräte anreichen, Beete gießen, Beete harken, Dünger einarbeiten, beurteilen, ob gesäte Pflanzen zu dicht stehen, Vorschläge für Plätze machen, an die die Pflanzen umgesetzt werden sollen, Rindenmulch verteilen, Tonschilder in die Beete stecken, Beete abräumen und winterfest machen.

Beim Ernten:
Selber ernten oder Geerntetes annehmen. Geerntetes weiter verarbeiten (z.B. zu Kräutersalzen, Kräuterölen etc.)