“Der Patient, der Garten und der Rote Faden”

Ein Garten für die Psychiatrische Klinik in Bremerhaven

Diplomarbeit von Petra Sendker
FH Osnabrück, Fachbereich Landespflege
Schlagwort/Sachgebiet: Freiraumplanung/Therapie im Freiraum
Sept. 99



Inhaltsverzeichnis der Diplomarbeit

1 EINLEITUNG
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2 ÜBERBLICK ÜBER DAS PLANUNGSOBJEKT
2.1    Die Lage
2.2    Das Zentralkrankenhaus Reinkenheide
2.3    Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
   2.3.1 Die psychiatrische Versorgungssituation in Bremerhaven
   2.3.2 Aufbau der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
   2.3.3 Krankheits- und Diagosestatistik
2.4    Die Freiflächen des Krankenhauses
2.5    Rahmenbedingungen für die Planung

3 BESTANDSANALYSE
3.1    Die Fläche des zukünftigen Gartens
3.2    Bewertung der Fläche unter dem Planungsaspekt

4 DIE ZUKÜNFTIGEN NUTZER DES GARTENS: DIE PATIENTEN
4.1    Die psychosoziale Situation eines Krankenhauspatienten
4.2    Die psychischen Störungen der Patienten
   4.2.1 Die Klassifizierung psychischer Störungen
   4.2.2 Psychosen
   4.2.3 Neurosen
   4.2.4 Persönlichkeitsstörungen
4.3    Wirkung und Nebenwirkung von Psychopharmaka
4.4    Zusammenfassung und mögliche Planungsansätze

5 ASPEKTE DER MENSCH – UMWELT – INTERAKTION ALS PLANUNGSGRUNDLAGE
5.1    Informationstheoretischer Ansatz
5.2    Umweltwirkungen auf Handlungsprozesse
5.3    Allgemeine Bedürfnisse
5.4    Territorialität und Privatheit
5.5    Dichte und Enge
5.6    Stimulation
5.7    Verhaltensräume
5.8    Zusammenfassung und mögliche Planungsansätze

6 ANSPRÜCHE AN DEN FREIRAUM
6.1    Allgemeine Ansprüche an den Freiraum
6.2    Befragung der Patienten
6.3    Befragung des Personals
   6.3.1 Anregungen des Personals zur Verbesserung der Betreuungsangebote
   6.3.2 Unterschiedliche Standpunkte zur Sicherheit der Patienten
6.4    Planungsansätze

7 THERAPIEMÖGLICHKEITEN IM FREIRAUM
7.1    Faktoren mit therapeutischer Wirkung
Exkurs 1:    Die Bedeutung und Wirkung von Spaziergängen
7.2    Ein Erfahrungsfeld der Sinne nach Hugo Kükelhaus
7.3    Zusammenfassung und mögliche Planungsansätze
Exkurs 2:    Die menschlichen Sinne

8 DIE PLANUNG
8.1    Formulierung der Planungsziele aus den Planungsansätzen
8.2    Der Planungsprozeß: Vom Vorentwurf zum Entwurf
   8.2.1 Der Funktionsplan
   8.2.2 Varianten zur Gestaltung des Gartens
8.3    Gestaltungsidee

9 DER ENTWURF
9.1    Der äußere Rahmen des Gartens: Der Zaun
9.2    Zugang zum Garten
9.3    Einbindung in die Umgebung und Raumbildung
9.4    Einzelne Bereiche des Gartens
   9.4.1 Ruhebereich vor den Patientenzimmern: Der temporäre kleine Bach
   9.4.2 Die Terrasse
   9.4.3 Der Ruhebereich
   9.4.4 Der Aktivbereich
9.5    Wege
9.6    Der rote Faden
9.7    Die einzelnen Stationen nach Kükelhaus
   9.7.1 Zeiterfahrung
   9.7.2 Klangerfahrung
   9.7.3 Raumerfahrung
9.8    Weitere Ausstattung des Gartens
9.9    Bepflanzungskonzept
9.10    Schlußbetrachtung

10 QUELLENVERZEICHNIS
10.1    Literaturverzeichnis
10.2    Abbildungsverzeichnis
10.3    Tabellenverzeichnis

ANHANG
I.    Bodenuntersuchungen
II.    Befragung der Patienten
III.    Auflistung der Pflanzen, die ein Sinneserlebnis ermöglichen

PLÄNE
Plan Nr. 1: Lageplan, M 1: 1700

Plan Nr.2: Bestandsplan des zukünftigen Gartenbereiches, M 1:500

Entwurfsplan: Der Garten, der Patient und der rote Faden – Wo ist der rote Faden?

Detailplan: Der Garten, der Patient und der rote Faden – Sinnlichkeit und Entspannung

Detailplan: Der Garten, der Patient und der rote Faden –Bewegung und Begegnung

Detailplan: Der Garten, der Patient und der rote Faden – Das Rad des Lebens


Einleitung der Diplomarbeit
Anlaß zu dieser Diplomarbeit gibt das Zentralkrankenhaus Reinkenheide in Bremerhaven, dessen Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie schon seit geraumer Zeit den Wunsch hegen, einen Garten für die “geschlossenen Stationen” anzulegen. Die Patienten dieser Stationen sollen dadurch die Möglichkeit erhalten, sich an der frischen Luft bewegen zu können, was bislang nur in Form von Gruppenspaziergängen in Begleitung des betreuenden Personals möglich ist. Der Garten soll ebenfalls den Patienten der Tagesklinik, vor allem aber auch der Ergotherapie zur Verfügung stehen.

Das Ziel dieser Diplomarbeit ist die Gestaltung des Gartens für die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Dabei soll die Gestaltung des Gartens den Ansprüchen und Bedürfnissen der zukünftigen Nutzer, also den Patienten, gerecht werden.

Die Verwirklichung dieses Zieles setzt Kenntnis über die Ansprüche und Bedürfnisse der Patienten voraus. Da die Patienten eines Krankenhauses häufig wechseln, können Befragungen nur tendenzielle Anregungen bieten. Es ist daher notwendig, allgemeine Ansprüche und Bedürfnisse zu erkennen. Diese lassen sich zum Teil aus den charakteristischen Verhaltensweisen und Stimmungen eines Krankheitsbildes ableiten. Ebenso bedeutsam sind die Einschränkungen für die Patienten, die sich aus der Unterbringung auf einer “geschlossenen” bzw. “halbgeschlossenen” Station ergeben. Aus dem geringen zur Verfügung stehenden Bewegungsraum und dem permanenten und unfreiwilligen Zusammensein mit anderen Patienten entstehen Bedürfnisse, die es bei der Gestaltung des Gartens zu berücksichtigen gilt.

Gerade für einen Krankenhausgarten ist es naheliegend, therapeutische Möglichkeiten, die im oder gerade durch den Freiraum möglich sind, zu integrieren. Dabei gilt es zu klären, wie und durch welche Faktoren es möglich ist, dem Garten eine therapeutische Wirkung zu geben.

Am Ende der Arbeit steht die Planung des Gartens, in dem die erarbeiteten Planungsziele umgesetzt werden sollen.


Kurze Zusammenfassung der Diplomarbeit
Das Ziel bei der Gestaltung des Gartens für die Psychiatrische Klinik ist es, das Wohlbefinden der Patienten zu steigern. Zum Wohlergehen eines Menschen gehört sowohl die Stimulation der Körpers, als auch des Geistes. Darum lädt der Garten zur Entspannung ein, animiert aber auch durch verschiedene Angebote zur Tätigkeit.

Viele psychische Störungen sind mit einem Realitätsverlust verbunden, der von Gefühlen der Zeit- und Raumlosigkeit begleitet wird. Aus diesem Grund bietet der Garten viele Möglichkeiten den Körper wieder bewußt zu erfahren und die menschlichen Sinne anzuregen.

Insgesamt ist die Gestaltung des Gartens durch weiche und natürliche Formen geprägt. Diese naturnahe Gestaltung des Gartens kann von den Patienten bewußt als Kontrast zum Krankenhaus wahrgenommen werden. Der Patient bekommt das Gefühl, das Krankenhaus verlassen zu können und kann Abstand zum Krankenhausalltag gewinnen.

Der Garten wird durch Baum- und Strauchgruppen in verschiedene Bereiche unterteilt Auch der notwendige Zaun wird hinter einer freiwachsenden Hecke aus heimischen Gehölzen versteckt. Verwendet werden Pflanzen, die bereits auf dem Krankenhausgelände vorhanden sind, um den Garten in die Umgebung zu integrieren. Bevorzugt werden Bäume und Sträucher verwendet, die zu jeder Jahreszeit besonders schöne optische Reize bieten. Frühjahrblüher oder Bäume mit einer besonders schönen Herbstfärbung verdeutlichen auf besonders schöne Weise die Jahreszeit und fördern somit ein natürliches Zeitempfinden.

Zu den einzelnen Bereichen des Gartens gehört ein Ruhebereich, der in erster Linie Erholung und Entspannung in angenehmer Umgebung bietet. Hier befindet sich eine runde Trockenmauer, die mit duftenden und buntblühenden Stauden und Heilkräutern, wie Lavendel, Salbei und Thymian bepflanzt ist. Ebenso schlängelt sich hier ein Bachlauf durch den Garten, der in einem Teich mündet. Das angrenzende Holzdeck bietet die Möglichkeit das Wasserspiel zu verfolgen, oder seine Füße in das kühle Naß zu tauchen.

Im Aktivbereich können die Patienten, die sich ansonsten nur frei auf ihrer Station bewegen können, ihren Bewegungsdrang ausleben. Eine kreisrunde Rasenfläche bietet die Möglichkeit für diverse Ballspiele, Federball oder Gymnastik. Ebenso befinden sich hier eine Schaukel, Hängematten und verschiedene Balanciermöglichkeiten. Durch diese leichten Bewegungen wird nicht nur der Kreislauf angeregt, auch soll ein neues Körperbewußtsein möglich werden. Leichte Schaukelbewegungen können Angstgefühle und Depressionen verringern; bekannt ist dies beispielsweise von Wiege-Bewegungen bei Kleinkindern.

Innerhalb des Gartens sind verschiedene sogenannte “Sinnesstationen” nach Hugo Kükelhaus integriert. Diese Stationen bieten die Möglichkeit durch die Auseinandersetzung mit Naturphänomenen, die menschlichen Sinne zu anzuregen. Als Beispiel soll hier die runde Balancescheibe erwähnt werden, die sich zu allen Seiten senken kann und Gruppen oder auch Einzelpersonen zu einem Balancespiel einlädt, oder die klingenden Basaltsäulen, die beim Anschlagen ihren eigenen Ton abgeben.

Die Boccia-Bahn oder auch der Grillplatz am Teich macht auch Aktivitäten in der Gruppe möglich. Gerade durch die raumbildende Bepflanzung ist es möglich, auch kleinere uneinsehbare Ecken auszubilden, die den Patienten die häufig gewünschten Rückzugsmöglichkeiten bieten.

Verbunden sind die einzelnen Bereiche durch ein Wegenetz, das dem Gartenbesucher verschiedenen Möglichkeiten zum Durchqueren des Gartens bietet. So sind auch gerade für ältere Patienten die Möglichkeit ein paar Runden durch den Garten zu gehen.

Durch den gesamten Garten verläuft ein “roter Faden”, der als Symbol für Sinnsuche und Selbstfindung steht. Da ein roter Faden nicht immer als solcher zu erkennen ist, bzw. sich in unterschiedlichen Dingen offenbaren kann, zeigt sich auch der rote Faden des Gartens in verschiedenen Materialien wie rote Holzpalisaden oder rote Murmeln im Bachlauf. Auch er ist nicht als durchgehender Faden zu erkennen, sondern verschwindet mal in den Untergrund, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen.

Die Idee hierfür beruht auf einem Zitat von Hugo Kükelhaus:

«Frage nach dem Durchgang: Wo ist der “rote Faden”, der alles zusammenhält? Antwort: Der Rote Faden ist man selbst. Es ist der Organismus als Ganzes, der die Organe zusammenhält. Solange ich den “roten Faden” statt in mir selbst woanders suche, lebe ich nur bruchstückhaft mit mir selbst.»

Durch den symbolischen roten Faden wird das Hauptanliegen des Gartens wiedergegeben, der sowohl geistig wie auch körperlich anregen will und dadurch die Ganzheit des menschlichen Lebens erfahrbar macht.