Durch Wahrnehmung zum Einklang mit der Schöpfung

Der folgende Beitrag entstammt eienem Vortrag von Prof. Rudolf Prinz zur Lippe
Am 13. Juni 2002 in Bad Lippspringe anlässlich des Kongresses “ Garten & Therapie”


Ich danke Ihnen vor allen Dingen für diese Einladung. Ich lerne Dinge kennen, die mich in weiterem Sinne natürlich beschäftigt haben, aber von denen ich vieles, was hier schon deutlich geworden ist, nicht ahnen konnte. Und ich danke Ihnen, dass ich die Gelegenheit habe, dieses sehr fachlich orientierte und auch an ganz bestimmte Prozesse gebundene Wissen und Suchen weiterzuverbinden mit der Kultur anthropologischer Linien dessen, worum es uns im Menschlichen eigentlich überhaupt geht.

Da wird sich dann, meine ich, auch herausstellen, wie stark gerade Ihre Arbeit mit dem Schwerpunkt auf dem Garten, dem Gärtnerischen, der Gärtnerei, den Pflanzen etwas ist, das nun zwar zu einer bestimmten Berufsrichtung geworden ist, aber eigentlich doch mit einer ganz entscheidend wichtigen Bewegung überhaupt in die Zukunft der Menschen mit unserer Welt und mit unseren Mitmenschen hineinführt.

Sie haben mich liebenswürdigerweise als den Nestor der Hugo Kükelhaus-Gesellschaft angekündigt. Ich fürchte, sie haben sich den etwas älter und etwas würdiger vorgestellt, oder vielleicht hoffe ich das ja sogar. Wahrscheinlich ist damit die lange und sehr intensive Freundschaft gemeint, die mich Hugo Kükelhaus auch als Lehrer hat begegnen lassen. Ich habe eben vor allen Dingen dann - und das ist der Anlass wahrscheinlich dafür, dass wir uns miteinander so selbstverständlich verbinden - mit ihm ein großes Projekt entworfen, das nun nicht zustande gekommen ist. Den Park, der um das Schloss Cappenberg bei Dortmund entstehen sollte. Ich habe aber dieses Projekt mit ihm zusammen in eine Buchform gebracht.

Er hatte keine Lust mehr, die Dinge immer wieder und immer wieder zu erzählen. Und er hat mich dann dazu ausersehen, dieses für ihn zu tun. Da wir uns sehr gut miteinander verstanden, ist das eine sehr schöne wechselseitige Arbeit gewesen. Ich habe mich dafür, dass ich diese Hausarbeit aufgedrückt bekam, revanchiert, indem ich ihn von einer etwas anderen Seite an sein Zeichnen brachte. Damit meine ich, dass er die Gewohnheit hatte, Zeichnungen eigentlich aus der Tradition der Architektur, die er erlernt hatte, aufzunehmen. Darin wollte er immer die verschiedensten Dinge gleichzeitig machen. Es sollte die Wirkung dessen, was er als Geräte und Stationen konstruierte, dem Betrachter anschaulich werden. Und er wollte gleichzeitig eine Konstruktionszeichnung machen, so als könne jeder Betrachter das gleich nachbauen. Ich habe ihn gebeten, das mal auseinander zu nehmen. Und dabei war mein erster und Hauptgedanke, dass die sogenannten Stationen eigentlich an jedem Ort neu entstehen und eben auch neu ihre Form finden müssen - aus einer Landschaft heraus und nicht abstrakt. Sie müssen den Charakter des Gartens vielmehr aufnehmen, als wir das vorher gewohnt waren.

Ich denke, dass es eine sehr schöne, wenn auch sehr schwer zu fassende Tradition des Heilens durch den Garten in der europäischen Geschichte gibt. In anderen Kulturen war das sehr viel deutlicher und ausgeprägter auch in der Richtung des Heilens. Aber selbst in Europa ist man immer wieder auf solche Gedanken gestoßen, nur sie sind leider wenig bekannt. Deswegen erinnere ich Sie daran, dass im Quattrocento, also im 15. Jahrhundert Italiens, der vor allen Dingen wegen seiner Architektur berühmte Gian Batista Alberti in seinen Traktaten, die auch ganz allgemeine Ausführungen enthalten, eine Passage hat, in der er sagt, „Wenn es uns schlecht geht, dann können wir uns heilen, indem wir in das Gesicht eines würdigen, alten Menschen schauen oder uns einer Landschaft hingeben“. Das ist natürlich eine kontemplative Dimension, die schwer zu fassen ist. Es kommt dabei auf dieses Mitleben mit dem, was uns begegnet, an. Dem möchte ich auf anderen Wegen mit Ihnen heute ein bisschen mehr nachgehen.

Vielleicht sollte man doch auch noch daran erinnern, dass im Alten Testament gar nicht nur von dem Garten Eden als dem Schauplatz der Apfelszene die Rede ist, sondern vor dem so genannten Sündenfall heißt es in Moses I/12, dass Adam die Aufgabe bekommt, den Garten zu pflegen und zu bewahren. Das ist eine ganz wichtige, bis heute auch in der kirchlichen Tradition eigentlich übersehene Passage. Wir haben immer den Gegensatz zwischen einem Paradies, in dem man so rumläuft, wo es duftet und man nichts zu tun hat, und der Vertreibung, nach der man arbeiten muss als Strafe. Es gibt vor diesen beiden Bildern ein ganz anderes. Die Menschen sind von Gott gerufen, als Dank dafür, dass sie getragen sind von diesem paradiesischen Garten, ihn zu pflegen und ihn zu bewahren.

Die jüdischen Schriftgelehrten fügen noch hinzu, dass Gott sich dann seinerseits verpflichtet hat, es regnen oder wenigstens tauen zu lassen. Eine schöne Kooperation. Sie müssen nicht kirchlich eingestellt sein, um dieses Bild auf sich wirken zu lassen. Es ist auch nicht nur in der jüdischen und damit in der christlichen Tradition enthalten. In allen Kulturen, glaube ich, ist das Bild des Gartens etwas, das am Anfang steht. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts hat der große Psychoanalytiker und Psychologe C.G. Jung eine Vorstellung von Archetypen entwickelt, d.h. Urbildern, die überall in den Menschen, in der Menschheit, in den Kulturen auftauchen. Auf unterschiedliche Weise spielen sie eine Rolle; aber sie bekommen bei uns allen immer wieder tragende Bedeutung. Ich meine, der Garten ist ein ganz Entscheidendes unter ihnen. C.G. Jung hat Freud gewissermaßen kritisiert, weil er die ausschließliche Orientierung auf die menschliche Psyche nicht ausreichend fand und die Verbindungen der Menschen zu der zu erlebenden, sinnlich zu erfahrenden Welt mit uns und durch sie zum Kosmos eben als eine Urbedingung und Quelle menschlicher Existenz zu verstehen geben wollte. Sicher ist der Garten ein solcher Archetyp. Im Paradies der Juden oder Muslime, im Kloster – oder Burggärtchen und vielen anderen Bildern taucht er verschieden auf.

Etwas Ähnliches haben andere, kritisch sich auf Freud beziehende Psychologen getan. Z. B. hat Michael Balint von der Urliebe des Menschen zu den Elementen gesprochen. Wir alle, wenn wir auch nur in unserer Badewanne plätschern, fühlen uns wieder geborgen in diesem Element der Flüssigkeit, das uns bis zur Geburt getragen hat und das zu einem ganz hohen Prozentsatz, wie wir heute als gute Chemiker wissen, auch unsere Materie des Körpers bildet. Wir sind darin derart zu Hause, dass es auch eine geistige und seelische Bedeutung hat. Diese Bedeutung trägt eben auch durch das Leben weiter und muss ihre ganz entscheidende Rolle mitspielen können. In die Badewanne sich legen, in das Meer hinausschwimmen, das sind Erlebnisse, die uns diesem anderen Element ganz einbeziehen.

Wir empfinden die physische Verwandtschaft mit dem Wasser ebenso, wenn wir in einen Wasserlauf schauen oder dem Rauschen, Tropfen, Rieseln von Wasser lauschen.

Im Garten kommen die Elemente zusammen. Das ist nicht nur die Erde. Das ist natürlich die Wärme und das Wasser und die Erde und die Luft. In deren Zusammenspiel ist der Mensch nun aufgerufen, tätig mitzuwirken. Allerdings möchte ich das Wort vom Pflegen und Bewahren bei Moses dabei besonders deutlich werden lassen. In den Therapien, wir haben es gehört, eben schon vor 150 bis 200 Jahren, wird dieses wieder aufgenommen. Zu genau der Zeit haben sich unsere Gesellschaften der modernen westlichen Welt von der Natur als dem eigentlichen tragenden Lebensfeld weitgehend distanziert , indem sie die modernen Industrien und Großstädte schufen, aber auch durch die Ökonomisierung des Waldes, die allgemeine Verplanung der Natur.

Es entstanden solche neuen Rückwendungen zur Natur als Antwort auf das Verlassen der Natur als einer selbstverständlichen Lebenswelt. Diese Spannung ist selbst Teil dessen, woran wir da zu arbeiten haben. Das ist nicht unwichtig. Eine lange Geschichte der Beherrschung der Natur hat die neue Bemächtigung vorbereitet. Zu ihr hat, immer und gerade auch die Beherrschung der Natur in den Menschen selbst gehört. Das hat die Seite der Ausbeutung Unterdrückter wie die des stilisierten Auftretens der Herrschenden. Dabei hat es ja auch immer wieder – weniger beachtet vielleicht, inzwischen aber wieder modern geworden - Therapien, Therapieversuche des Zusammenlebens von Patienten mit Tieren gegeben. In den Garten gehören auch die anderen Lebewesen. Aber davon ist hier im Moment nicht die Rede.

Hier sprechen wir von der Wahrnehmung, haben Sie gesagt. Sie haben einen sehr poetischen Titel gewählt. Ich will versuchen, dem auf möglichst nüchterne Weise möglichst gut gerecht zu werden. Die Wahrnehmung wird seit dem 19. Jahrhundert immer mehr im Zuge der eben skizzierten Entwicklung naturwissenschaftlich rekonstruiert als ein Prozess, der heute mit Informationen bezeichnet wird. Und wir sind angekommen in einer Phase, in der nun nach 10 Jahren der Weltdekade der Gehirnforschung eigentlich alles kognitiv interpretiert werden soll. Wahrnehmung heisst nicht Impulse oder Informationen registrieren. Wahrnehmung ist Begegnung. Ich glaube, dass es Ihnen Freude machen würde, einen Arzt zu treffen, vielleicht wiederzutreffen, der weitgehend unbekannt geworden ist. Ich meine Viktor von Weizsäcker mit seinem „Gestaltkreis“. Der Untertitel des Buches sagt ihnen schon, warum ich davon spreche: „Die Einheit von wahrnehmen und sich bewegen“. In dieser Einheit hat er - der Arzt übrigens, der die Einführung von Krankengeschichten in die ärztliche Betrachtung von Fällen entscheidend und grundlegend betrieben hat - diese ganze Dimension hineingenommen. Sie haben heute schon eine ganze Reihe von Beispielen für das gehört, was Viktor von Weizsäcker gemeint hat, als er sagte „Krankheit ist ein Ausdruck des ungelebten Lebens“. Dann ist der Schritt dahin, eben im Garten oder mit den Tieren oder in einer anderen beschaulichen, aber intensiven Tätigkeit sehr rasch gemacht. Der Schritt dahin, zu sehen, dass eben hier Leben wieder gelebt werden kann. Und zwar auf eine unprogrammatische Weise, die eine eigene Aufgabe hat: Die Aufgabe, zu pflegen und zu bewahren. In einem Zusammenspiel mitzuwirken.

Wahrnehmung ist immer eine Begegnung. In der Wahrnehmung kommt vor allen Dingen etwas auf uns zu, das uns aufmerken lässt. Das ist keine Subjektleistung, sondern es ist etwas, in dem Subjekte, Individuen, Menschen, Wesen, die ich zu sich und von sich sagen, sich erfahren als Angesprochene. Es betrifft mich etwas. Es berührt mich etwas. Das ist außerordentlich wichtig. Ich bin ja nun, nachdem ich Ökonom und Historiker war, auch Philosoph geworden. Da liegt es nahe, daran zu denken wie viel wir in unserer Tradition sprechen von der begrifflichen Arbeit, vom Begreifen. Aber wir sprechen wenig von dem Ergriffen sein, dass zu dem Begreifen überhaupt erst führen kann.

In den Begriffen zu fragen, was hat uns da eigentlich ergriffen und wie sind wir denn überhaupt in der Lage, es zu begreifen? Das braucht der Gärtner nicht. Die Gärtnerin braucht nur mit der angemessenen Geste zu antworten. Zu sehen, hier fehlt Wasser, zu sehen, hier muss ich etwas befreien von Überwuchs, oder hier muss ich etwas stützen, und hier kann ich etwas ernten.

Hier, denke ich, ist auch der Ort an die Goethische Naturwissenschaft zu erinnern. Dieses ist nicht der Rahmen, einen Vortrag über Goethes Naturwissen zu halten und es ist auch dieses nicht wirklich etwas, was in Ihrer aller berufliche und persönliche Lebenswege Eingang finden wird. Aber ich möchte daran erinnern, dass Goethe vor 200 Jahren einen so außerordentlich heftigen Kampf gegen die Newtonsche physikalische Welterklärung geführt hat. Nicht, weil er als Naturwissenschaftler Recht behalten wollte, sondern weil er ganz elementar gewusst, gespürt, gesehen hat: Indem wir auf physikalischem Wege die Phänomene der Natur und ihre Gesetze wie einen kausalen Mechanismus erklären und uns nutzbar machen, versäumen wir die Natur als den Ort einer Begegnung. Was kann uns da begegnen? Ein Anderes gegenüber der historisch gestalteten Welt. Ein Anderes, dem wir zugleich in unserer sinnenhaften Leiblichkeit verwandt sind. Mit dem Verstand können wir erfassen, wie die gleichen Gesetze in uns und uns gegenüber die Wirklichkeit bestimmen. Im Gefühl nehmen wir das Geschehen um uns auf und antworten mit unseren Gestimmtheiten. Unsere Vernunft kann beides wieder als Wechselspiel erfahren.

Manche nennen dieses Andere das Göttliche. Manche nennen es Transzendenz, und manche bevorzugen, es gar nicht. zu nennen. Das ist sicher auch sehr angemessen. Aber es zu wissen, ist wichtig. Und genau darum ging es Goethe: Das Staunen an den Phänomenen als eine Erfahrung des Ganzen der Welt den Menschen zu erhalten und immer deutlicher werden zu lassen. Dabei ist es auch hier, ganz besonders deutlich sogar, ein Vorgang der Wechselseitigkeit. Indem uns die Welt in ihren Phänomenen immer entschiedener, immer eindrucksvoller und immer auch in einer gewissen Weise begreifbarer werden, sind wir auf der anderen Seite selber diejenigen, die die eigenen sinnlichen und verstandesmäßigen Fähigkeiten zu entwickeln vermögen und uns an dieser Entfaltung erfreuen.

Ich bin vor einer Reihe von Jahren in dieser Delphi-Studie des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften - an der Universität Kiel - gefragt worden, ob ich für oder gegen die Beibehaltung oder die Wiedereinführung bin, dass im Biologieunterricht überhaupt noch Arten und Bezeichnungen, Gattungen und Namen gelernt werden. Ich habe gesagt, ich bin aus zwei Gründen dafür. Der eine ist, mit den Namen merken wir uns auch, dass es Unterschiede gibt. Und um uns die Unterschiede mit dem Namen einzuprägen, haben wir uns mit einer Pflanze intensiv zu beschäftigen. Der andere Grund ist der, dass es eigentlich schon ein verwegenes Stück Wissenschaftsgeschichte ist, einfach Pflanzen irgendwelche merkwürdigen Namen zu geben, insbesondere seit Linné den Grundsatz verkündet hat, dass der Entdecker einer neuen Pflanzenart, einer Varietät von einer Gattung seinen eigenen Namen geben kann. Seitdem wurden ja unendlich viele Pflanzen plötzlich entdeckt, genauso wie man möglichst auch große Berge besteigt und ihnen seinen Namen gibt. Ob wirklich die Natur darauf gewartet hat, möchte ich sehr bezweifeln. Ich habe sogar schon immer mich gewundert, wenn Studenten unserer Nachbarwohnung in Frankfurt ihre Katzen Marx und Mao nannten oder andere nennen sie Paul und Pauline. Das finde ich ein bisschen erstaunlich aus der Sicht der Katze. Katzen haben unendlichen Humor und gehen darüber mit Grandezza hinweg. Bäume kann ich nicht beurteilen. Aber zu wissen, dass wir da eigentlich etwas sehr Merkwürdiges und auch etwas Ungehöriges tun, ist schon gut. Denn Sie wissen, der gute Linné hat seine „Reiche der Natur“ so eingeteilt, dass die Pilze z.B. überhaupt nicht hineinpassen.


Also unsere Systeme sind immer nur ein begrenzt sinnvoller und in diesem Umfang nützlicher Versuch, etwas zu beschreiben. Nicht weniger und nicht mehr. Die Goethische Naturwissenschaft ist eine Lehre der Selbstbildung der Menschen. Ich würde das gerne mit Ihnen einmal ausprobieren. Dazu müsste man dann allerdings mindestens ein Tagesseminar machen mit Lektüre und Versuchen, Zeichnen und Notizen, gehen und einfach schauen.


Goethe spricht von drei Stufen des Phänomens - Phänomen ist die Erscheinung.

Die erste nennt er das Erfahrungs-, das empirische, das alltägliche Phänomen. Das setzt aber schon voraus, dass mir etwas mehrmals aufgefallen ist, so dass ich gemerkt habe, da ist etwas, das mich interessiert; mehr als andere Dinge oder neben anderen Dingen für sich. Und jetzt sammle ich. Er hat übrigens den Grundsatz verfolgt, dass an dieser Stelle die gesamte Mitwelt dem Forscher zuarbeitet und mit ihm kooperiert, weil dieses Sammeln ist eine Aufgabe für alle.

Dann kommt die Phase wo man sagen kann, jetzt wollen wir doch mal sehen, ob wir das wirklich verstanden haben. Man setzt das Phänomen unter verschiedene experimentelle Bedingungen, sofern sich das in der physikalischen oder chemischen Welt machen lässt. In seiner Farbenlehre ist das sicher sehr ausgeprägt. Und dann werden wir es zu einem wissenschaftlichen Phänomen herausarbeiten. Schließlich wird sich da aus dem ganzen ein Inbild bilden: das reine Phänomen.

Der Witz bei der Geschichte ist der, dass damit die ganze abendländische Erkenntnistheorie, ich weiß nicht ob ich es so sagen darf, vom Kopf auf die Füße gestellt wird. Das ist ein großes und ein etwas dramatisches Wort. Aber es geschieht wirklich eine völlige Umkehrung. Die Idee, der Begriff, das Inbild, das Leitmotiv, oder wie Sie das nennen wollen, ist nicht mehr ein abstraktes Ideal. Wenn die Idee vor ihren wirklichen Erscheinungen da ist, werden diese mit allen ihren individuellen Unterschieden zu ebenso vielen Abweichungen. Dann hat jedes einzelne der Exemplare, denen wir begegnen, eben leider keine Eigenarten, sondern schlicht diesen oder jenen Fehler.

Diese Vorstellung von dem Pferd war das alte klassische Beispiel oder die Rose. Goethe sagt, diese Vorstellungen sind etwas, das nur in unserem Kopf, unserer Erinnerung oder Vorstellung existiert. Aber es dient dazu, einen Vergleich anstellen zwischen den vielen Dingen, die wir als Rose oder Pferd auch wahrnehmen und bestimmen. Dabei kommen wir darauf, dass jedes einzelne Exemplar in seiner Abweichung von dem Typus etwas Besonderes und Unersetzliches ist, dass jede Abweichung die Idee bereichert. Jede Rose, der wir neu begegnen, gibt uns eine reichere Vorstellung von der Rose. Dasselbe gilt vom Baum, von der Eiche. Vom Pferd können wir dasselbe sagen und genauso von diesen Kräutern, wenn Sie da an dem Lavendel riechen und sehen, dass es die verschiedensten Varianten gibt.

Goethe hat, und das leitet zurück auf den ersten der psychologischen Fäden, die ich hier verfolge, Goethe hat uns eben die Erfahrung auch damit zu vermitteln gesucht, dass wir, während wir die Natur untersuchen, kennen lernen und mit ihr arbeiten, selber an uns arbeiten. Wir lernen uns kennen als Glieder dieser Natur, in der die gleichen Gesetzmäßigkeiten wirken. Ich glaube, dass dieses etwas unendlich Entlastendes hat. Dies dankbar anzunehmen, hat eine ganz große befreiende Wirkung. Sie erlaubt uns, neu uns selber liebend anzunehmen.

Warum fällt uns das heute so schwer? Wir haben uns getrennt vom Religiösen, wo es uns Geschwisterlichkeit mit einer Schöpfung lehren könnte. Wir haben aber eine Theologie der Trennungen unreflektiert verinnerlicht. Eine merkwürdige Theorie der Jahrhunderte und Jahrtausende hat dahin geführt, dass wir uns so leicht in einer falschen Entscheidungssituation sehen. Entweder nur uns als einen unwürdigen Diener an der Schöpfung und der göttlichen Gesetze zu erfahren, oder aber zu sagen, was geht uns das an, wir sind die Herren der Welt und wir benutzen alles, so lange es uns passt. Das ist gar nicht die Alternative. Wenn wir in uns selber, als einen Teil dieser Schöpfung - oder nennen Sie es Natur oder sagen wir einfach dieser Welt, mit der wir leben dürfen und auch müssen - wenn wir uns als einen Teil dieser Welt begreifen, dann können wir uns auch ganz sachlich als einen Teil dieser Welt lieben. Und diese Welt mit uns. Ich glaube, dass darin etwas von dieser heilenden Kraft des Zusammenwirkens von Menschen in Gärten miteinander und mit der Natur zu begreifen ist.

Also es geht eigentlich mehr darum, zu erfahren, nicht Arbeit abzuleisten in einem Garten. Das Pflegen und Bewahren übt uns, auch mit uns selbst pfleglich und bewahrend umgehend dabei. Wir nehmen Wirkungen auf, die auf uns zukommen, die wir plötzlich in uns spüren oder denen wir nachgehen, mehr als dass wir selber wirken. Dann aber erfahren wir uns als Wirkende an den Folgen unseres mittuns . Das heißt natürlich gerade nicht, Kontrolle auszuüben. Endlich ist einmal nicht die Angst vor der Wandelbarkeit und der Unvorhersehbarkeit der Vorgänge zu ersticken, indem man versucht, einen Plan zu machen und alle Bedingungen unter Kontrolle zu halten. Wir werden dazu geführt, etwas zuzulassen, etwas geschehen zu lassen. In einem Garten gehen die Dinge anders, als wir sie vorhergesehen haben; aber sie fügen sich dann doch auf eine Weise mit einander o oder manchmal auch nicht.

Weil wir sie behütet und auch wieder gelassen haben, merken wir, dass auch wir uns unserem Leben vielmehr anvertrauen dürfen und wahrscheinlich müssen, wenn etwas daraus werden soll. Leben ist anders, als es die fabelhaften Lebenspläne uns oft vorschreiben, die dann so eben gar nicht gehen können.

Ich würde denken, dass zu den Arbeiten, die Sie mit Menschen in den Gärten anregen, gehören könnte, was Goethe uns auch empfiehlt, nämlich zu zeichnen. Ich habe mit den Studentinnen und Studenten die Erfahrung gemacht, dass dann die Hälfte wegläuft, weil "wir können ja gar nicht zeichnen". Ich sage immer wieder, die, die zeichnen können, wissen allzu oft schon vorher, wie es hinterher aussehen soll und das verhindert, worum es geht. Im Gegenteil, hinzuschauen und die Bewegung der Hand mit einem Stift auf einem Blatt so zu machen, wie man das Blütenblatt vor sich oder den Stiel des Busches sieht, das bringt einem vielleicht Zeichnen bei. Es ist eine Einheit von sehen und zeichnen.

Ich sage das auch deshalb, weil ich Ihre Arbeit begreife in der Nachbarschaft zu anderen Begleitungen von Menschen mit anderen Problemen. Ich denke nicht nur an psychisch Belastete, sondern auch, wir sagen ja wohl noch, geistig Behinderte, z. B. in der Arbeit dieses exemplarisch in Deutschland wirkenden Blaumeier-Ateliers in Bremen. Seine Mitglieder zogen vor zwei Jahrzehnten schon durch deutsche Lande mit der „Blauen Karawane“, um zu werben für die Arbeit mit Menschen, die vorher noch weggeschlossen wurden, nunmehr in einer freien Korrespondenz unter den Prinzipien künstlerischen Arbeitens. Ich drücke das deshalb so aus, weil das Künstlerische sich nicht an dieser oder jener erreichten Qualität des Ergebnisses bemisst. Vielmehr sind die Grundvoraussetzungen die einer künstlerischer Arbeit, die eben nur in einem freien Zusammenspiel und in einer autonomen Mitwirkung aller gelingen kann. Wir sind immer wieder staunend vor den Ergebnissen, die dabei entstehen auch in der musikalischen Arbeit. Deswegen erwähne ich hier im Anschluss an den Garten und Goethe das Zeichnen als eine Vermittlung zwischen Eindrücken und Ausdruck, in der Konzentration und sinnenhafte Reflexion seelisch wirksam werden.

Ich möchte noch eine Linie von Kükelhaus hier aufgreifen. Kükelhaus nannte, was er vorschlug, Stationen und hat von Geräten gesprochen. So hat er sie oft auch gezeichnet. Ich bin darüber von vornherein nicht so ganz glücklich gewesen schon in den 70er Jahren. Aber mehr und mehr muss ich sagen, es darf gar keine vorgeschriebenen Formen mehr geben. Ich habe mit Entzücken festgestellt, ich glaube aus Alfter, kommt hier ein Vorschlag für einen Geruchsgarten. Ich habe ihn noch nicht sehen können; aber wie ich ihn mir vorstelle, fände ich das sehr viel glücklicher als diese komische Maschine, auf der dann diese Tuben sitzen und aus einem dieser Rohre nach dem anderen kommt einem irgend eine umbringende Duftwolke entgegen. Ich komme mir da vor wie vor einer Stalinorgel von Düften. Ich habe damals schon vorgeschlagen, dies mindestens zu verbinden mit den Gerüchen eines Ortes, mit dem Heu im Sommer, mit dem faulen Laub im Herbst usw. Es sieht mir so aus, als ob da ein sehr schöner Entwurf dafür schon gemacht ist. Dieses ist nur eines von vielen Beispielen, wie die Dinge neu und auch in gelösterer Form näher in die alltägliche Erlebensmöglichkeit hineinführen können. Ich möchte in den nächsten Jahren mit der Kükelhaus-Gesellschaft diese Dinge in der Beratung ein bisschen intensiver machen. Wir sollten solche Vorschläge, Erprobungen aufnehmen und weitergeben und wieder miteinander in Verbindung bringen

Im menschlichen Leibe wie in der Natur ist immer „eins mit allem“. Es ist immer ein Zusammenwirken, und auch deshalb ist die Form der Station und des Geräts etwas Willkürliches. Ein bisschen Willkürlichkeit ist gut, weil sie aufmerksam macht. Aber zuviel ist nicht gut, weil sie die Dinge in eine Experimentalsituation bringt, von der wir manchmal erschreckt werden. Ich nehme das Beispiel der Summhöhle. Ich habe so oft in den Erfahrungsfeldern gesehen, wie die Menschen wirklich konfrontiert werden mit diesem tiefen Loch in dem Block. Sie stehen vor einer Wand und sollen plätzlich ihren Kopf da hineinstecken, wo bei der Guillotine das Beil fallen würde. Ich sehe immer wieder, dass Menschen davor zurückschrecken. Da wäre z.B. eine Form zu finden. Eine Idee von mir ist gewesen, dass man einen großen Findling nimmt und eben mit Steinmetzen die Wölbungen nach außen in Kuhlen nach innen übergehen lässt. Dadurch würden fließende Übergänge geschaffen. Das Wechselspiel von Wölbungen und Höhlungen, wie von Skulpturen sollten zur Erkundung einladen. Alle diese Dinge sind Aufgaben, die uns noch gegeben sind.

Ich sagte, entweder haben die Dinge auch etwas Erschreckendes oder sie isolieren sich zu stark gegen andere Erfahrungsmöglichkeiten. Im Leib ist immer „eins und alles“. Aber das heißt auch zugleich, Leiber als lebendige Leiber sind beseelte, sind begeisterte Leiber, hoffentlich mit möglichst viel Chancen, den Verstand mit einzubeziehen und nicht gegen das blockieren zu lassen. Leiber sind ein Zusammenspiel und können nur aufnehmen, was sie in ein Spiel mit aufnehmen können. Unsere ganze Vorstellung vom Verabreichen von Wirkungen ist Unsinn. Natürlich haben wir in der Medizin wichtige Einsichten aus solcher Ursache-Wirkungs-Logik, und sie werden immer grandioser im Bereich des Mechanischen Aber zu glauben, dass man so tatsächlich aus der Summe der Teilfunktionen den gesamten lebendigen Organismus steuern könnte, ist noch nie einem guten Arzt eingefallen. Allerdings erwarten es umso mehr die Patienten, die immer noch am Positivismus des 19. Jahrhunderts hängen.

Deswegen ist es besonders wichtig, die Wege, für die der Kongress zu „Garten und Therapie“ Erfahrungen austauscht und neu erprobt, in breiterem Bewusstsein als Einladungen aufzugreifen. Allerdings, Leben braucht Widerstand. Aber ohne Widerstand kann überhaupt keine eigene Wirkung erfahren, nicht mal eine Wahrnehmung entwickelt werden. Die Widerstände, die kommen, sind selber eigentlich auch Einladungen, mit ihnen zu arbeiten. Das ist das, worin z. B. das gärtnerische, aber eben jedes handwerkliche Tun eine Lebenspädagogik enthält. Was uns entgegen steht, sollen wir als Widerstand wahrnehmen und mit dem Widerstand ihn aufnehmend, das Formende, das Gestaltende ansetzen. Das ist eben das Gegenteil der Gummizelle. Das ist genau, was wir eben auch brauchen, um konkrete Antworten suchen zu können. Im Naturgeschehen ergibt sich das von selbst. Niemand weiß besser als Menschen, die mit in Not Befindlichen arbeiten, wie sehr man eben auch selber den anderen Menschen nicht nur seine Zuwendung, sondern auch eine Grenzsetzung gegenüberstellen muss, die dem Anderen überhaupt ein klares Bild von einem Gegenüber gibt. So tritt ein Gegenüber auf, zu dem man auch selber sich verhalten kann.

Dieses alles zusammen, ist auch noch einmal zu betrachten unter dem Gesichtspunkt der begrenzten Risiken des alltäglichen Lebens. Eine, ich glaube sehr wichtige und offenbar stärker werdende Politik unserer Versicherungsgesellschaften geht ja dahin, zu bemerken, dass das Ausräumen aller Risiken das größte Risiko überhaupt heraufbeschwört. Die Erfahrung im Umgang mit Schwierigkeiten lässt derartig nach, dass der erste, irgendwann dann doch kommende Risikofall zu einer sofortigen Katastrophe führt. Ich meine im Moment diese Untersuchungen, die mit unseren Schulkindern gemacht wurden, wo man eben feststellt, wie oft jetzt Kinder einfach sich gar nicht mehr im Fallen abfangen oder abrollen, sondern umfallen wie ein Holzklotz. Es ist nicht geübt, weil keine Erfahrungsgärten in den Städten sind und der Platz der Kinder so wesentlich vor dem Fernseher ist, inzwischen auch am Computer.

Sie haben die Genugtuung zu wissen, dass die „Documenta“, die vor einigen Tagen eröffnet wurde, einen ihrer deutschen Partner gewählt hat, mit einer Initiative zur Gestaltung eines in den Wünschen und Vorstellungen der Bewohner eines Hamburger Stadtteils sich gestaltenden Gartens. Wie würde man so schön sagen, Sie liegen im Trend. Sie haben Erfahrungen. Teilen Sie sie mit. Teilen Sie sie einander mit, aber auch uns anderen und denen nicht nur, die mit Spezialbehinderten arbeiten. Die modernen Gesellschaften haben vor allen Dingen das Phänomen der Normalbehinderungen hervorgebracht. Dieses habe ich gerade angefangen zu skizzieren. Was Sie tun ist etwas unerhört Wichtiges und Wertvolles für die Pädagogik mit allen unseren Menschen. Leider ist schon zur Zeit von Kükelhaus die Situation so gewesen, dass wichtige Dinge, die er erprobte und entfaltete, nur in Sonderschulen möglich waren. Eigentlich gehen sie uns alle an und und betreffen für uns alle Grundlebensbedingungen. Es ist schön, dass wenigstens Sie diese Arbeit so bewusst aufnehmen Ich wünsche nicht nur Ihnen sondern uns allen ein gutes Fortkommen dabei, und das möglichst viele von uns Sie dabei unterstützen.