Ist Warten therapeutisch ?

Von Andreas Niepel

Therapeutische Gärten – was vor Jahren noch ungewöhnlich klang, etabliert sich ( erfreulicherweise ) mittlerweile immer mehr. Allerdings scheint damit aber auch die Zeit gekommen, nicht mehr nur ganz grundsätzlich jeden Ansatz ,welcher den Garten einbezieht, zu begrüßen , sondern es gilt ebenso, genau hinzuschauen, was denn dort so wächst. Es gilt die Spreu von Weizen zu trennen.

Die Zunahme von Spreu in Gärten ist leider zu beklagen. Gärten, die vorgeblich und sicherlich mit bester Absicht, aber nicht immer bestem Wissen zum Nutzen von Menschen mit Demenz angelegt sind, beinhalten zum Teil Elemente, die begriffslos beispielsweise aus Sinnesgärten übernommen wurden und die für Demenzkranke oftmals entweder nutz- und sinnlos sind oder ihnen eher schaden. Ein ganz besonderes widersinniges, weil auch wissenschaftlich nicht belegtes Beispiel ist dabei die neue Mode Bushaltestellen in Gärten ( und in Pflegestationen) für an Menschen mit Demenz aufzustellen.

Vorab soll dabei kurz der Frage nachgegangen werden, wieso sich Gärten überhaupt in der Pflege und Betreuung dementiell erkrankter Menschen eignen. Es geht dabei zunächst einmal um den Raum selber; darum, eine vertraute und sichere Umgebung anzubieten und dort Möglichkeiten zu schaffen, die einen direkten Bezug zu Jahreszeiten und zum Ort zu geben. Auch das Verwenden von bekannten Objekten aus dem biographischen Alltag der Bewohner, wie beispielsweise Wäschestangen oder Wasserpumpen erscheinen in diesem Zusammenhang sinnvoll; jedoch erst dann, wenn sie denn gezielt genutzt werden, um beispielsweise biografisch zu arbeiten. Denn mehr noch als um die Präsentation eines gezielt gestalteten Raumes , geht es darum , ihn als ein aktiv zu nutzendes Medium zu sehen.

Der Garten soll schließlich nicht Ersatz einer Behandlung, sondern dessen Mittel sein.

Genau deshalb auch gibt es mittlerweile Fort- ,bzw. Weiterbildungen und Studiengänge, bei denen die besonderen Fähigkeiten vermittelt werden, um dieses leisten zu können. Und es entstehen auch erfreulicherweise viele neue Gartenkonzepte, deren Ziel es ist, die Ressourcen und Geschichte dieser betroffenen Menschen zu wecken oder nutzen, um auch ihnen eine sinnvolle und wertschätzende Betätigung anzubieten, „Der Mensch mit Demenz stellt keine ausgelöschte, sondern eine einzigartige Persönlichkeit mit dem Bedürfnis nach Liebe, Trost, und Einbindung, nach sinnvoller Betätigung und Identität dar. Er verfügt über eine hohe körperliche, emotionale und sinnliche Erlebnisqualität und entzieht sich als Individuum schematisierenden Kategorisierungsversuchen „, schreibt dazu PETER WIßMANN, in seinem Buch „Werkstatt Demenz“ . Es geht also im Kern um solche wichtigen – und ganz normalen - zutiefst menschlichen Grundbedürfnisse, wie das Gefühl eine gewisse Form von Kontrolle über seine Umgebung zu haben und über das Erleben der eigenen Wirksamkeit einen eigenen Selbstwert zu entdecken.


Wie therapeutisch aber ist nun hier eine Bushaltestelle ?


Für diese Bushalteschilder in einem Hausflur eines Pflegeheimes oder am Wegesrand in einem Garten wird dabei ins Feld geführt, dass der betroffene Mensch an dieser für ihn vertrauten Umgebung verharrt und vielleicht sogar zur Ruhe kommt.

Doch wieso soll der mobile Mensch mit Demenz, der im Garten seinem Bewegungsdrang nachgehen möchte, ausgerechnet (und dann noch an einer Bushaltestelle, wo noch nie ein Bus vorbeigekommen ist und auch nie einer kommen wird, zur Ruhe kommen. Wer auf den Bus wartet, will auch Busfahren- auch der demente Mensch, denn sonst würde er sich dort auch nicht niederlassen. Menschen, die nirgendwo hinwollen, sitzen nicht an Bushaltestellen. Und jetzt kommt der Bus nicht, Da wird man auch als Kranker eher nervös als ruhig.

UWE BRUCKER, Fachgebietsleiter Pflegerische Versorgung beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes des Bundes der Krankenkassen e.V. (MDS) Brucker…)beschreibt diese Situation so „ Der Mensch mit Demenz wird in seiner Krankheit nicht ernst genommen. Der Therapeut steigt ein, in das psychotische Erleben seines Patienten, nimmt teil an seinem Wahnerleben, festigt ihn bestenfalls darin. Man ist geneigt, sich nach dem in der Pflege und Therapie nicht unbekannten Echtheits- und Wahrhaftigkeitsanspruch von Carl Rogers zu erkundigen. Und das in mehrfacher Hinsicht: wäre es nicht wahrhaftiger zu sagen: gut, in der Zeit, in der unser Demenzkranker an der Bushaltestelle sitzt und wartet, hat er für uns Profis keinen Betreuungsbedarf; er ist aufgeräumt und wir können uns anderen Personen und Dingen zuwenden. …“.

Nur das hört man nicht. Stattdessen wird sogar argumentiert, es sei besser, die Dementen an der Bushaltestelle warten zu lassen, als diese Menschen medikamentös ruhig zu stellen. Man staunt über die therapeutischen Alternativen, die hier eröffnet werden. Ruhe als Therapieziel: Ruhig müssen sie offenbar sein, die Demenzkranken. Warum und für wen eigentlich? Damit es ihnen besser geht oder dem Personal? Geparkt auf der Bank bei der Bushaltestelle kann sich das Personal offenbar anderem zuwenden als dem wartenden Bewohner. Was erleben Pflegende eigentlich positiv, wenn sie von den positiven Effekten dieser Bushaltestellenattrappen berichten? Ist es das Erbleben des Demenzkranken oder das eigene, das auf dessen Erlebniswelt projiziert wird?

„..Warten ist keine Beschäftigung. Und auch keine Therapie. Es sei denn, man bezahlt dafür Eintrittsgeld im Theater, und findet es intellektuell anregend, anderen dabei zuzusehen wie sie auf Godot warten. Jemanden vorsätzlich warten zu lassen ist deshalb eine Unverschämtheit, weil das Mittel ist, einen Zweck zu erreichen. Warten ist nie Zweck. Auch nicht in der Demenz, weil der Patient keinen Zweck mehr benennen kann. „ äußert sich somit auch weiter UWE BRUCKER vom MDS , und benennt damit den wichtigsten Punkt, denn tatsächlich geht es bei der Ausstattung mit derartigen Instrumenten nicht um eine wertschätzende therapeutisch-pflegerische Behandlung, sondern um Täuschung und Ablenkung. „ Bushaltestellen therapeutisch zu nennen empfinde ich persönlich als Werbestrategie für Bushaltestellen. Was ist therapeutisch? Ablenken? Täuschen? Selbst eine Ruhepause haben?,“ schreibt deshalb auch BEATRICE DÖHNER, Fachschwester für Gerontopsychiatrie und Gestalttherapeutin . Diese Haltestellen sind somit eher eine Ohrfeige für diejenigen, die sich darum bemühen, Konzepte zu entwickeln, Menschen aktiv einzubinden.

Und so vernimmt man logischerweise die stärkste Kritik an diesen Bushaltestellen auch genau von jenen Menschen, die sich sowohl um eine menschenwürdige Pflege bemühen, und die ansonsten durchaus gerade den Garten als ein geeignetes Medium ansehen. ALFRED VOLLMER , vom Diözesancaritasverband in Köln schreibt hierzu beispielsweise : „ Für die Begleitung von Menschen mit Demenz ist neben dem entsprechenden Fachwissen auch eine "innere Haltung " notwendig, die erst den adäquaten Umgang mit diesem Personenkreis ermöglicht und für deren Wohlbefinden ausschlaggebend ist. Innere Haltung drückt sich aus in der Achtung der Menschenwürde, der Empathie, der Kongruenz und der bedingungslosen Akzeptanz. Bushaltestellen aufzustellen, wohl wissend, dass niemals ein Bus vorbeikommt ist für uns schon ein Betrug, für den Menschen mit Demenz, der auf unsere Hilfe angewiesen ist, ein doppelter. Wem kann der Mensch in seiner Situation, der Demenz denn noch trauen? Den Menschen "abzustellen" an einer unrealistischen Bushaltestelle, verkennt den Menschen mit seiner unabdingbaren und unverlierbaren Würde, treibt den Menschen, der auf Menschen angewiesen ist, in eine Isolation uns schließlich in den "sozialen Tod". Der Wartende, der Suchende findet an der Bushaltestelle keine Antwort, er ist verloren.“

Und auch der Wiener Arzt und ausgewiesener Gartentherapiekenner Dr. FRITZ NEUHAUSER vom Geriatriezentrum am Wienerwald weist insbesondere auf diese Haltung hinter dem Objekt hin, wenn er schreibt : „ … Vielleicht sind diese Busstationen nur die logische Verlängerung eines grassierenden Zynismus, der einfach zementieren will, dass dieser Ort kein Ort ist sondern ein Zustand. Ein unentfliehbarer Umstand, mit einer Logik, die darin besteht, dass sie nicht greift und engagiertes Handeln jedenfalls keine Option darstellt. Es neutralisiert berechtigte Wünsche und Bedürfnisse in einer sehr verächtlichen Weise, indem man automatisch als Statist der Lächerlichkeit auftritt, wie in einer schlechten Sendung, wo das Publikum, die Wissenden, gleich mitgrölen und sich auf die Schenkeln schlagen. Welch ein Irrtum, wenn man meint, dass in einem solchen Setting, einer solchen Inszenierung, sich irgendein Teilnehmer dieser Lächerlichkeit entziehen könnte. Eine Offenbarung an Peinlichkeit, weil ja doch darin ein eindeutiges Statement über die Wertevorstellungen und das Menschenbild darbietet, dem sich keiner entziehen kann, der daran vorbeikommt, es sei denn man beschließt, man gehört nicht dazu, nicht zu jenen. Dann hat man die Betreuten genau dort, wo man meint sie besser aushalten zu können, in einer anderen Welt, mit anderen Regeln, einer Ersatzwelt, einer Derealisation... Ein wahrer Humus für Demenz! „

Die Quintessenz der Frage, ob Bushaltestellen im therapeutischen Garten für Demenzerkrankte sinnvoll sind, bringt URSULA LEHR, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit und eine der angesehensten , erfahrensten und international renommiertesten Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Altenforschung auf den Punkt, wenn sie dazu sagt : „.. es ist ein Missbrauch der Idee des "therapeutischen Gartens", der einmal zu Aktivitäten anregen soll (zum Herumgehen, zur Bearbeitung) , der zum anderen aber vor allem zur Beobachtung der Veränderungen, des Wachsens, des "Lebens" anregen soll. Eine Bushaltestelle fördert die Passivität (Sitzen und erfolgloses Warten) und bleibt immer gleich, verändert sich nicht, fördert Starrheit, bietet somit keinerlei Stimulation.“

Somit bleibt die Hoffnung, dass es gelingt derartige wahre Sackgassen in der Entwicklung therapeutischer Gärten zu beseitigen. Wer den Garten für Therapie , Pflege und Betreuung nutzen will, sollte sich ganz grundsätzlich weniger mit einer Instrumentierung, als vielmehr mit dem Menschen, seiner Situation und seinen Bedürfnissen befassen , denn dann ergeben sich wirklich vielfältige Nutzungsmöglichkeiten; nur :

Bushaltestellen haben weder in der Altenhilfe, noch im therapeutischen Garten etwas zu suchen .